Dr. Ulrike Heine
Kuratorin
Leiterin der Geschäftsstelle des Deutschen Komitees der UN ― Ozeandekade (ODK)
Bernard Vienat
Kunsthistoriker und Kurator Gründer und Direktor von art ― werk
Mikroskopisches Video, 4K, 5' 56 Min, 2025
über der Ausstellung
Mit der Einzelausstellung „Water Recall“ eröffnet die Künstlerin Marcelina Wellmer einen faszinierenden Blick auf die komplexe Beziehung zwischen urbanem Raum und Leben im Wasser. Das Projekt ist eng mit der Kieler Förde verbunden und entfaltet sich in zwei Phasen. Sie beginnt im Stadtzentrum von Kiel mit einer einladenden
Schaufensterausstellung der Gallery Cubeplus-OHO
(Holstenstraße 13–15, 24103 Kiel),
die den Betrachter:innen einen unmittelbaren Zugang zu zentralen Themen bietet. Im Anschluss sind die Besucher:innen herzlich eingeladen, den Hauptausstellungsraum der
Gallery Cubeplus (Knooper Weg 104, 24105 Kiel)
zu betreten und noch tiefer in die vielschichtigen Aspekte der Ausstellung einzutauchen.
„Water Recall“ regt zur Auseinandersetzung mit unserer Rolle im Ökosystem an. Durch die Verbindung der beiden Ausstellungsorte in unterschiedlichen Stadtteilen entsteht eine dynamische Ausstellungserfahrung.
Die Künstlerin Marcelina Wellmer und die Gallery Cubeplus laden die Besucher:innen ein, die faszinierende Wasserwelt zu entdecken und über die ökologischen Krisen nachzudenken, die durch menschliches Handeln verursacht werden.
„Water Recall“ fordert schließlich dazu auf, die Grenzen zwischen Mensch und Natur neu zu definieren und die eigene Rolle im Ökosystem zu hinterfragen. So wird die Verbindung zwischen Kunst und Umwelt zu einem eindringlichen Appell für den Schutz unserer Gewässer und ihrer Bewohner:innen. Die Vielfalt der Arbeiten – Video-, Klang- und Objektinstallationen – zeigt eindrucksvoll, wie Kunst als Mittel dienen kann, um die oft unsichtbaren Geschichten der Natur sichtbar zu machen.
Die Ausstellung ist Teil der Kieler Museumsnacht am 29. August 2025 von 19:00 bis 24:00, mit einer erfahrbaren Aktion nur an diesem Abend.
Text: Bernard Vienat
Water Recall
In Kiel, einer Stadt, deren Alltag und Identität untrennbar mit der Ostsee verbunden sind, begegnet uns Wasser in vielfältigen Rollen: als wirtschaftliches Gut, als Forschungsobjekt, als Quelle künstlerischer Neugier und persönlicher Erfahrung. Marcelina Wellmer hat entlang der Küste rund um Kiel geforscht und dabei in einer Verbindung aus verschiedenen Medien (Aquarellen, Skulpturen, Installationen und Filme) und experimentellen Verfahren die komplexen, meist verborgenen Abläufe im marinen Lebensraum sichtbar werden lassen; von Sedimentierung über die Durchmischung organischer und anorganischer Materialien und die Entwicklung entfernter Meeresökosysteme bis hin zu den strukturellen Parallelen zwischen Fischen und Menschen.
Der Titel der Ausstellung schwingt in zwei Richtungen: Er ruft wach, was im kollektiven Gedächtnis zu verblassen droht, und mahnt zugleich den dringenden Rückruf einer Ressource (an), deren Verschwinden Menschen wie andere Lebewesen gleichermaßen betrifft. Water Recall öffnet einen Raum der Erinnerung; an das Wasser als Ursprung allen Lebens, als Träger von Geschichten und als verletzliche, bedrohte Kraft.
Bevor Besucher:innen den Ausstellungsraum betreten, begegnet ihnen ein erster poetischer Eingriff: Ein dichter Vorhang aus Ostsee-Seegras, handvernäht mit Fischereischnüren trägt den Schriftzug Sorrow. Von außen erscheint dieser als leicht irritierende Spiegelung WoЯЯos; eine Einladung, genauer hinzusehen. Die Schnüre selbst bergen eine ambivalente, ja tragische Geschichte: Einst als Treibgut im Meer unterwegs, wurden sie von Seevögeln zum Nestbau genutzt, zugleich jedoch zu einer tödlichen Gefahr. Viele der Vögel verheddern sich in den Fasern und sterben daran. So wird der Vorhang zur Schwelle zwischen Außen und Innen, Stadt und Meer, aber auch zwischen Konstruktion und Zerstörung.
In einer Zeit, die oft als Anthropozän bezeichnet wird – jenes Erdzeitalter, in dem sich die Spuren menschlicher Eingriffe bis in die geologische Schicht der Zukunft einschreiben – könnte der eigentliche Kummer darin liegen, das fortschreitende Sterben bewusst wahrzunehmen. Gerade diese Bewusstheit erfordert jedoch einen Schritt darüber hinaus: die Fähigkeit, den Schmerz zu transzendieren, um ins Handeln zu kommen. Kreativität und eine künstlerische Haltung können dabei einen Weg eröffnen.
Betritt man den Raum, wird dieser Gedanke unmittelbar greifbar. Marcelina Wellmer verbindet hier organisches Material mit anthropogenen Überresten. Besonders eindrücklich zeigt sich diese Verbindung in der Werkgruppe Spekulative Fossilien. Die reliefartigen Objekte aus Muschelpulver und gesammeltem Ostseemüll, vermischt mit tierischen Überresten – darunter Schraubverschlüsse, Deckel, Blisterverpackungen und USB-Sticks – wirken wie fossilierte Relikte unserer Epoche. Sie sind materielle Zukunftserzählungen, in denen sich die Spuren des Anthropozäns verdichten; Spuren, die zugleich mahnen und den Blick für mögliche Veränderungen öffnen.
Ein weiterer Werkkomplex begreift das Sammeln als Form eines ästhetischen Archivs. In Apothekengläsern präsentiert die Künstlerin Algen- und Seegraspräparate sowie flüssige Pigmente, gewonnen aus denselben Algen, die später in feinen Aquarellarbeiten verwendet wurden. Die Gläser ruhen auf Sockeln aus Muschelpulver und sind mit Gravuren versehen: lateinische Bezeichnungen, Fundorte und Jahreszahlen verweisen auf die Herkunft des Materials. Die ungerahmten Aquarelle tragen in ihrer Mitte unsichtbare QR-Codes, die beim Scannen auf wissenschaftliche Artikel verlinken – etwa zu den sich ausbreitenden sauerstoffarmen Zonen der Meere – und den Arbeiten eine sachliche, forschungsbasierte Dimension hinzufügen.[1]
Die zugrunde liegenden Daten verweisen auf ein drängendes Problem. Fast alle Lebewesen im Meer benötigen Sauerstoff, doch in bestimmten Gebieten fehlt er zunehmend. Diese sogenannten „Todeszonen“ entstehen, wenn in tieferen Wasserschichten kaum noch Sauerstoff vorhanden ist und sich marine Organismen dort nicht mehr halten können. Selbst eine Verringerung der Nährstoffbelastung kann diesen Prozess nicht umkehren, da die Erwärmung des Wassers und andere Klimaeffekte die Erholung verhindern und den Sauerstoffmangel zusätzlich verschärfen.[2]
Das Werk Tote Zonen übersetzt die abstrakten wissenschaftlichen Prozesse in eine anschauliche, visuelle Form. Auf transparenten Seiten erscheinen neun Karten, die die Ausbreitung sauerstoffarmer Gebiete in der Ostsee zwischen 1906 und 2020 dokumentieren und von der Künstlerin malerisch überarbeitet wurden. Der Einband besteht aus im Meer gefundenem Plastik, das Buch ruht auf alten, leeren Fischkisten, die zu stillen Zeugen des Rückgangs der Fischbestände geworden sind.
Oben an der Treppe öffnet eine weitere Arbeit einen intimen Blick auf die Verbindung zwischen Mensch und Meer. Mikroskopische Aufnahmen von Blutproben dreier Ostseefischarten sind neben der eigenen Blutprobe der Künstlerin präsentiert. Die frappierende strukturelle Ähnlichkeit verweist auf eine tiefe, biologische Verwandtschaft, selbst im Angesicht ökologischer Distanzen. Gegenüber sind detaillierte mikroskopische Aufnahmen zu sehen, etwa vom Blut des Turboschneckenfisches. Um diese wissenschaftliche Reise fortzusetzen, führt ein QR-Code zu einem dokumentarischen Podcast des Bayerischen Rundfunks.
Zurück im ersten Raum verändert sich die Stimmung. Am Strand Bülk gefilmtes Video zeigt Wasser, das aus einem Rohr ins Meer sprudelt, trüb, gelblich und von unklarer Herkunft. Die Szene wirkt auf den ersten Blick beiläufig, fast unscheinbar, doch sie öffnet den Blick auf grundlegende Fragen: Wie gestaltet sich der menschliche Umgang mit dem Meer? Wer reagiert auf solche Einleitungen? Welche Regeln gelten – und wo werden sie umgangen? Und vor allem: Welche Mittel stehen tatsächlich zur Verfügung, um industrielle Einflüsse wirksam zu kontrollieren?
Wie eine Collage bedeutender Kunstwerke, die sich gegenseitig ergänzen, entfaltet sich Water Recall als Dialog zwischen Kunst und Forschung, als poetische und zugleich wissenschaftliche Schnittstelle zur ökologischen Realität. Die Arbeiten machen deutlich, dass menschliche Spuren im marinen Raum allgegenwärtig sind. Entscheidend ist, wie wir mit ihnen umgehen: ob wir sie unreflektiert fortführen oder lernen, sie zu verstehen, zu verwandeln und zu begrenzen. Die Ausstellung lädt dazu ein, nicht nur an das zu erinnern, was bereits verloren ging, sondern auch bewusst wahrzunehmen, was noch bewahrt werden kann.
[1] GEOMAR Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung Kiel, Erwärmung verschärft Sauerstoffmangel in der westlichen Ostsee, 23.01.2024, https://www.geomar.de/news/article/erwaermung-verschaerft-sauerstoffmangel-in-der-westlichen-ostsee
[2] GEOMAR Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung Kiel, Erwärmung verschärft Sauerstoffmangel in der westlichen Ostsee, 23.01.2024, https://www.geomar.de/news/article/erwaermung-verschaerft-sauerstoffmangel-in-der-westlichen-ostsee
