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Lotta Bartoschewski & REGINE SCHULZ

› Der grund der beschwerde ‹

ausstellungsdauer

Sa. 05. Juni – sa. 03. juli 2021

Öffnungszeiten:

Do.- Sa. 13 bis 19 Uhr


  Dass bereits der Titel der Ausstellung von Lotta Bartoschewksi und Regine Schulz mehrdeutig ist, erzeugt eine beabsichtigte Unschärfe: Ist mit „Beschwerde“ nun eine „Strapaze“, ein „Schmerz“ oder eine Beschwerde im Sinne eines Protests oder einer Reklamation gemeint? Und ist mit „Grund“ tatsächlich die „Ursache“ eines Problems gemeint? Je länger man über den Titel der Ausstellung nachdenkt, desto mehr Gewissheiten schwinden. Und genau diese rätselhafte Offenheit, beziehungsweise mutige Vieldeutigkeit, ist das verbindende Element im Kunstschaffen von  Lotta Bartoschewksi und Regine Schulz.

 

  Regine Schulz arbeitet oft mit Beton, Eine Beschreibung ihrer ausgestellten Arbeit Zirkon Korund liest sich so: „Zwei längliche Hügel aus Zement liegen gekippt auf zwei perforierten Stahlwänden, die auf dem Boden liegen und mit der Flex geschliffen wurden.“ Lotta Bartoschewski arbeitet oft mit Gips. Eine Beschreibung ihrer aus¬gestellten Arbeit thcielleiv nien aj – ebyam sey on liest sich so: „Die Gipsarbeit ist sehr dünn und von innen mir Jute und Armierungsstangen aus Stahl verstärkt. Sie hat dann, an der Wand lehnend, die Form eines spiegelverkehrten N.“

  Neben der offensichtlichen Vieldeutigkeit gibt es noch ein weiteres verbindendes Element im Schaffen der beiden Bildhauerinnen: Ihre Kunst spiegelt nicht mimetisch die Wirklichkeit. Dennoch gibt es Bezüge zur Wirklichkeit: etwa Hügel oder der Buchstabe N. Aber diese Bezüge wirken wie Echos, wie etwas, das von etwas, das vielleicht die Wirklichkeit ist, in die Kunst zurückgeworfen wird.

 

  Seit es Kunst gibt, existiert der naive Fehlglaube, gute Kunst müsse – im Sinne von „können“ – die Welt möglichst wahrheitsgetreu abbilden. Vermutlich hat die Gruppe von Menschen, die seinerzeit die Höhlenwände von Lascaux mit abstrahierenden Tierbildern schmückte, schon von einem selbsternannten keulen-schwingenden Experten zu hören bekommen: „Was? Das sollen Büffel sein? Menschenskinder, so sieht doch nie im Leben ein Büffel aus!“

  Künstlerisches Schaffen, das ernsthaft ist, spiegelt niemals die Wirklichkeit. „Wie beiläufig abgestellt bewegen sich meine Skulpturen am Rande des eindeutig als Kunst Identifizierbaren“, sagt Regine Schulz. Und Lotta Bartoschewski sagt über die Objekte, die sie in den Gips ihrer Skulpturen bettet: „Durch die eingegossenen Gegenstände treffen in den dreidimensionalen Körpern verschiedene zeitliche und erzählerische Ebenen zusammen.“

  Es geht beiden Künstlerinnen nicht um Spiegelung, sondern um Neuschöp-fung – und dadurch um die praktische Untersuchung, wie das Verhältnis von Kunst und Wirklichkeit beschaffen ist. Kunst, die etwas schafft, das es in der Welt zuvor nicht gab, hat einen erkenntnistheoretischen Handlungsaspekt: Schöpfend wird etwas hergestellt, das es zwar zuvor nicht gab, das aber durch den Vergleich mit dem Existierenden dieses kontrastierend schärfer bestimmen kann.

  Eine solche Kunst hat kein Vorbild in der Welt, sondern wird vorbildlos zum Bestandteil der Welt. Natürlich wirft diese schöpferische Kunst mehr Fragen auf, als sie beantwortet, und hat somit eine unmittelbare Wirkung, weil sie in ihrer Vorbildlosigkeit und Vieldeutigkeit eine Auseinandersetzung geradezu einfordert. Außerdem wird es nach vielen Jahrhunderten, in denen man naiv beharrte, die Kunst müsse die Welt spiegeln, endlich Zeit, dass sich das Verhältnis umkehrt!

 

Es ist eine schöne Vorstellung, sich auszumalen, dass von nun an die Kunst die Wirklichkeit beeinflusst und diese allmählich anfängt, die Kunst zu spiegeln. thcielleiv nien aj – ebyam sey on taucht an einem regnerischen Sonntag¬vormittag im Hinterzimmer einer Vorstadtkneipe auf. Zirkon Korund dagegen erscheint re-gelmäßig nachts zwischen drei und vier Uhr auf einer Brachfläche in der Nähe ei¬nes  Autobahnzubringers. Diese von der Welt imitierten Kunstwerke sind viel¬leicht anfangs noch nicht ganz so perfekt wie ihre Vorbilder (etwas kleiner sind sie vielleicht oder blasser), aber immerhin ähneln sie diesen  – und das ist doch schon einmal ein Schritt in die richtige Richtung.

 

Text: Christopher Ecker


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